Die Premium-Skigebiete in Tirol boomen, weil heimische Skifahrer lieber in die großen Skigebiete gehen, weiß MMag. Günther Aigner.TVB Tux/Finkenberg, shootandstyle.com

Skifahren: Für Gäste günstig, für Einheimische Luxus?

"Konkurrenzlos günstig" ist das Skifahren in Tirol im weltweiten Preisvergleich für Touristen. Paradox: Denn für Einheimische wird Skifahren immer mehr zum Luxus, sagt Tourismus-Forscher MMag. Günther Aigner. Und: Der Klimawandel schadet dem Winter-Tourismus kaum...

TIROL Die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Schneesicherheit ist aus den Fugen. Diese These stellt der Kitzbühler Skitourismus-Forscher MMag. Günther Aigner auf. Er weist darauf hin, dass Wissenschaft, Medien und Politik Ängste einer Zukunft ohne Schnee, ohne Winter und ohne Skisport befeuern. Der ROFAN-KURIER hat nachgefragt, was der renommierte Forscher damit meint...

ROFAN-KURIER: "Haben wir in Zukunft noch genügend Schnee zum Skifahren?“
MMag. Günther AIGNER: "Gute Frage. Diese hätte jeder gerne beantwortet, denn wenn wir eine Antwort hätten, dann hätten wir einen guten Blick in die ski-touristische Zukunft. Aber niemand kann sicher sagen, wie viel Schnee es in Zukunft in Tirol geben wird. Auch nicht der leistungsstärkste Computer. Die Zukunft der Schnee-Sicherheit in Tirol ist völlig ungewiss."

ROKU: "Unsicher wegen der Klimaerwärmung?"
AIGNER: "Die aktuelle globale Erwärmung wirkt mit ein. Aber die Schnee-Sicherheit ist von der Häufigkeitsverteilung der Großwetterlagen abhängig. Für die Bereiche Achensee, Alpbachtal oder vorderes Zillertal ist wichtig, dass es viele Nordstaulagen zwischen November und April gibt. Diese sind fast immer kalt genug für Schneefall. Eine Nordstaulage kann in den Skiregionen innerhalb von kürzester Zeit 40 bis 70 Zentimeter Schnee bringen und die Saison ist gesichert."

Skitourismus-Forscher MMag. Günther Aigner sprach im ROFAN-KURIER über die Probleme des Skisports. Jetzt und in der Zukunft. ©Michele Hirnsberger

ROKU: "Was sind Nordstaulagen?"
AIGNER: "Die höchsten Berge Tirols sind an der Grenze zwischen Südtirol und Nordtirol. Dieser Alpenhauptkamm verläuft in Ost-West Richtung. Und wenn aus Norden feuchte Meeresluft kommt, dann staut sich diese an diesem Alpenriegel, der quer zur Luftrichtung steht. Der Alpenhauptkamm ist dann wie eine Staumauer für diese feucht-kalte Meeresluft, die aufsteigen muss, will sie weiterziehen. Dabei verliert sie die Feuchtigkeit und es schneit. Nordstaulagen sind häufig sehr kalt, denn die Luft hat meist polaren Ursprung. Bei Südwind kommt die Luft häufig von den Kanarischen Inseln, dann ist sie warm."

Aigner: "Die Wetterlage muss passen"

ROKU: "Sind diese Nordstau-Lagen durch die Erderwärmung gefährdet?"
AIGNER: "Wohl kaum. Und der Wintertourismus braucht auch keine sehr kalten Temperaturen. Der Schnee kommt, wenn die Wetterlage passt. Die Klima-Erwärmung schreitet nicht so schnell voran, dass die Nordströmung in 20 Jahren um drei Grad milder werden könnte. Wir hätten in Tirol ein Problem wenn sich die Häufigkeit der Großwetterlage verändern würde."

ROKU: "So wie diese Saison?"
AIGNER: "Dieser Winter wäre dafür ein gutes Beispiel. Schneearm und mild. Nördlich des Alpenhauptkammes hatten wir von Anfang Dezember bis Mitte Jänner fast durchgehend Südströmungen. Diese Luftmassen sind mild und verursachen keinerlei Nordstau. Das erklärt im Grunde, warum der heurige Winter nicht in die Gänge gekommen ist."

ROKU: "Themenwechsel: Wie wird der Wintersport in zehn bis 15 Jahren aussehen?"
AIGNER: "Das kann niemand wissen, aber ich versuche ein paar Aspekte zu skizzieren. Wir werden in 15 Jahren noch Schnee haben. Die Weltuntergangs-Fanatiker die mit der Botschaft, 'Es wird nicht mehr schneien' von den Titelseiten grinsen, und gute Geschäfte mit der Angst machen, wird es weiterhin geben. Es gibt sie seit Jahrtausenden, aber sie werden auch dieses Mal nicht Recht behalten. Wetter und Klima halten sich nicht an die reißerischen Botschaften. Ich bin mir sicher, dass wir in 15 Jahren noch Schnee haben. Das Klima hält sich nicht an den derzeit aktuellen Klimapopulismus. Die Realität wird anders ausschauen..."

ROKU: "Und wird sich ein normaler Arbeiter in Zukunft das Skifahren noch leisten können?"
AIGNER: "Das Skifahren wird in Zukunft exklusiver. Die Skiticketpreise steigen schneller an als die Löhne und die Gehälter. Ich spreche hier hauptsächlich von den Premiumskigebieten, den Top 15, in Tirol. Es wird aber noch genügend Skigebiete geben, bei denen man sich das Skifahren noch wird leisten können. In diese kleineren Skigebiete will der 'normale' Skifahrer aber nicht, weil unsere Gesellschaft immer anspruchsvoller wird. Viele Familien werden sagen: 'Wenn ich mir das Skifahren etwa in der Skiwelt Wilder Kaiser nicht leisten kann, dann lassen wir es ganz.'"

Kleine Skigebiete, wie etwa am Achensee, bieten noch leistbare Preise. Damit das so bleibt, sollten einheimische Skifahrer auch diese Gebiete nutzen. © Achensee Tourismus

Investitionen treiben Preise

ROKU: "Warum gibt es diese enormen Preissteigerungen?"
AIGNER: "Durch die Globalisierung. Alle Skigebiete stehen weltweit miteinander im Wettbewerb. Die Tiroler Skigebiete haben sich in den letzten 20 Jahren sehr gut weiterentwickelt. Und diese großen Investitionen führten dazu, dass die Preise stiegen. Die Skigebiete sind zwar für die Einheimischen zu teuer – aber auf dem Weltmarkt sind Tirols Skigebiete konkurrenzlos günstig. Auf der ganzen Welt gibt es keine Region, die mit unserem Preis-Leistungs-Verhältnis mithalten kann. Für eine Familie die etwa aus London, Moskau oder New York kommt,  ist das Preis-Leistungsverhältnis etwa beim Premium Skigebiet Zillertal Arena unschlagbar. Und das wirkt auf den ersten Blick wie eine Schizophrenie, dass das Skifahren für Einheimische zu teuer wird und wir auf dem globalen Markt sehr günstig sind...."

ROKU: "Könnten Skigebiete etwas dagegen unternehmen?"
AIGNER: "Meiner Meinung nach nicht. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass die teuren Skigebiete am meisten nachgefragt werden. Der einzige der etwas dagegen unternehmen kann, ist der Kunde. Wenn die einheimischen Skifahrer wieder vermehrt in die kleinen und mittleren Skigebiete fahren, bleibt das Skifahren weiterhin leistbar. Aber auch die Einheimischen gehen lieber in die Premiumgebiete. Dann sterben die kleinen und günstigen Skigebiete langsam aus, und das Skifahren wird exklusiver. Wer das nicht möchte, sollte auf die Pisten der kleinen Skigebiete gehen."

ROKU: "Ein Kostenfaktor ist hier sicherlich die Beschneiung. Wäre ein Skigebiet ohne künstlichen Schnee überhaupt noch denkbar?"
AIGNER: "Nein, Skigebiete ohne technische Beschneiung sind nicht mehr denkbar. Der Markt ist viel qualitätsbewusster geworden. Und der Markt ist nichts abstraktes, sondern es ist die Summe aus dir und mir, ihm und ihr. Wir alle sind der Markt, und wir wollen herrlich weiße Pisten. In den 1980er-Jahren waren die Pisten meist den ganzen Winter weiß-grün-braun bis Cappuccino. Das gibt es nicht mehr. Die Qualität der Pisten ist in einem gigantischen Ausmaß angehoben worden."

ROKU: "In Skiorten wie etwa in deinem Heimatort Kitzbühel werden Schneedepots angelegt. Was bewirken diese? Diese sind ja Umweltschützern ein Dorn im Auge..."
AIGNER: "Schneedepots bewirken, dass wir Schnee vom Winter lagern und über den Sommer konservieren können. Es kann dann die neue Skisaison unabhängig von der Witterung pünktlich gestartet werden. Bisher werden diese Maßnahmen aber nur sehr punktuell gesetzt. Niemand weiß, wie sich das Thema Schneedepots weiterentwickeln wird. Wir alle – als Gesellschaft – werden entscheiden müssen, ob und wo wir Schneedepots haben wollen. Im Prinzip sind Schneedepots sehr umweltschonend, weil sie ein Mix aus Natur- und Maschinenschnee sind. Man spart sich also im Folgewinter viel technische Beschneiung. Was manche stört, ist die Optik und die zu frühe Eröffnung einzelner Skihänge wie am Kitzbüheler Resterkogel. Hier ist also eine breite gesellschaftliche Diskussion nötig, die die Normen und Rahmenbedingungen setzen wird."

ROKU: "Vielen Dank für das Gespräch!"


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