Als beim Hochwasser Brücken gesperrt wurden, kam in Kramsach und Umgebung der gesamte Verkehr zum Erliegen.

Hochwasser-Schutz und Verkehrs-Chaos

Mit einem blauen Auge ist man beim heurigen Inn-Hochwasser davongekommen, heißt es. Dabei stieg der Pegel in Innsbruck "nur" auf HQ-50, in Rotholz auf HQ-30, in Schwaz auf HQ-70 und in Brixlegg gar nur auf den Stand eines 20-jährigen Hochwassers (HQ-20).

TIROL/UNTERLAND Gerade nochmal gut gegangen... So lautet der Tenor nach dem Hochwasser-Ereignis im Juni. Jene Familien und Firmen, die ihre Keller leer pumpen mussten und auch jene Bauern, deren Ernten vernichtet sind, sehen das vielleicht anders. Doch es stimmt: Großräumige Überflutungen von Wohngebieten sind ausgeblieben.
Aber nicht, weil die neuen Hochwasser-Schutzprogramme der Verbände gegriffen hätten. Man kam weitgehend davon, obwohl noch keine neuen Maßnahmen umgesetzt wurden.

Chaos: Eine Region steht still

Wie anfällig und überlastet unser Verkehrs-System ist, zeigte sich am späten Nachmittag und Abend am Mittwoch, 12. Juni. Aus Sicherheits-Gründen hatten die Behörden mehrere Brücken gesperrt: In der Region 31 beispielsweise die Montanwerk-Brücke und die Rattenberger Brücke. Nur der Autobahn-Zubringer zwischen Kramsach und Brixlegg war noch offen. Ab etwa 16:15 Uhr stockte der Verkehr im Großraum Kramsach. Etwa ab 17:00 Uhr war alles dicht! Eine Stunde und 30 Minuten von Kramsach nach Reith, Zwei Stunden von Alpbach nach Kramsach...

Auch in Kramsach "Am Bergl" war alles dicht!

Der ROFAN-KURIER war mit mehreren Redakteuren zu Fuß und am Rad in der Region unterwegs und hat einige Eindrücke zu diesem Chaos-Tag festgehalten.

Hochwasser-Schutz nicht einzige Baustelle

Der 12. Juni 2019 zeigt damit auch: Der Hochwasser-Schutz an sich ist nicht die einzige Baustelle in der Region. Dringend angepackt gehört auch die Verkehrs-Problematik. Während in einzelnen Gemeinden fleißig an der Infrastruktur vorbei Wohnraum gebaut wird, bleiben Antworten und Lösungen für das offenkundig vorhandene Verkehrsproblem aus.

LA Margreiter: "Radfeld kann sich nicht weiter zurücklehnen"

"Das Hochwasser Mitte Juni war ein Schuss vor den Bug! Wäre zur starken Schneeschmelze noch eine Regenfront dazugekommen, wäre die Katastrophe unausweichlich geworden", sagt Landtags-Abgeordneter Bgm. Ing. Alois Margreiter (ÖVP). Dann hätte man tatsächlich mit einem 100-jährigen Hochwasser kämpfen müssen. "Die Bilder der letzten Tage zeigen: Wir brauchen jetzt und nicht irgendwann wirksamen Schutz! Dieses Ereignis hat gezeigt, dass wir unser Unterland auch nur vor Ort mit Retentions-Räumen im Unterland schützen können! Sperren im Oberland  reichen nicht." LA Margreiter fordert weiter eine anständige Vergütung für all jene, die Retentions-Flächen zur Verfügung stellen. "Wir brauchen anständige Entschädigungen mit einer pauschalen Besteuerung, weil den Grundeigentümern hier von der Allgemeinheit einiges abverlangt wird. Aber Retentions-Räume wird es auch nur auf den Feldern geben und nicht am Kirchplatz! Leider vergessen manche Vertreter in der noch immer hitzig geführten Diskussion, dass durch das Projekt auch Häuser in ihren Gemeinden geschützt werden..."

Die Montanwerkbrücke zwischen Kramsach und Brixlegg wurde gesperrt.

Mit seinem Hinweis spielt Margreiter auf Radfeld an: Hier sei das Land der Gemeinde massiv entgegen gekommen. Doch "die Bereitschaft von Bürgermeister und Ortsbauernschaft war nicht gegeben", ist Margreiter überzeugt. In Radfeld selbst liegen etwa 32 Hektar Bauland (das wären 500 Bauparzellen mit je  650 Quadratmeter) in der gelben und rotgelben Gefahrenzone. Etwa 5,5 Hektar Sonderflächen (Gewerbegebiete usw.) sind ebenfalls betroffen. Außerdem habe man Sonderwünsche von Radfeld bei der Umplanung berücksichtig.

In Brixlegg wurde ein maximaler Pegelstand von 534 Zentimetern gemessen. Das entspricht etwa einem 20-jährigen Hochwasser. Im Bild: Der Blick von Rattenberg richtung Brixlegg. © R. Lederhilger

Zum Ausbau des Hochwasser-Schutzes im Unterland sagt dazu der zuständige LH-Stv Josef Geisler (ÖVP): "Im Unterland ist es schwieriger, weil es große Projekte sind". Es würde sich bisher "noch eine Gemeinde querlegen, die man wohl noch zu ihrem Glück bewegen wird müssen".

Radfeld wehrt sich gegen Kritik!

Auf Anfrage des ROFAN-KURIER bei Bürgermeister Mag. Josef Auer, Radfeld, lädt dieser zu einem Presse-Gespräch. Dort heißt es von Bgm. Auer und Ortsbauern-Chef GR Anton Wiener unisono: "Wir sind nicht die Verhinderer!" Radfeld würde einer Retentions-Fläche östlich des Maukenbaches zustimmen, und "somit hätten wir immer noch das Doppelte wie Kundl beigetragen. Wir lassen uns aber auch nicht vorführen und nicht bevormunden, noch dazu mit enormen Nachteilen, bei denen wir sogar 'über Gebühr' mitzahlen sollen", sagt Auer, der mit seiner Haltung auf den Rückhalt der Radfelder zählen kann.
"Wir sind auch für Hochwasserschutz", erklärt Ortsbauernobmann Wiener, "aber eben in einer anderen Form. Wir wollen nicht, dass die besten Felder im ganzen Land Tirol geflutet werden", sagt er und fordert Rückhalt in den Seitentälern. Außerdem wäre seiner Meinung nach jetzt der beste Zeitpunkt, um über die Energiewende zu sprechen: "Hier könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen". Er spricht damit mögliche Kraftwerks-Projekte an. Die Kritik, dass die Radfelder Bauern nur die Ablösen in die Höhe treiben möchten, lässt er nicht auf sich sitzen.

Durch den erhöhten Grundwasserpegel waren in der Region viele Keller unter Wasser.


Beim diesejährigen Hochwasser war der Inn in Radfeld übrigens kein Thema. Die Gemeinde hatte mehr Probleme mit dem Grundwasser....

Fakten zum Hochwasser 2019

Schäden: Ca. 5 bis 7 Mio. EURO, Schäden Landwirtschaft: Ca. 2 Mio. EURO.
Pegelspitzen: Inn bei Innsbruck: 632 Zentimeter (Bereich 50-jährliches Hochwasser). Inn bei Rotholz: 500 Zentimeter (Bereich 30-jährliches Hochwasser). Inn bei Brixlegg: 534 Zentimeter (Bereich 10- bis 20-jährliches Hochwasser).
Gemeinden, in denen der Inn über die Ufer getreten ist: Kolsass, Terfens, Buch, Münster und Reith. 500 Hektar landwirtschaftliche Flächen wurden überflutet, davon 150 Hektar Gemüse, 300 Hektar Grünland.

Um eine Katastrophe zu verhindern wurden in Rattenberg der mobile Hochwasserschutz aufgesteckt. Die Elemente bleiben übrigens bis Ende des Jahres montiert